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18. Januar 2023

Keine Angst vor Veränderung

Mit Mitte 40 bricht Barbara Zimon nochmal auf: Neues Land, neue Stadt, neuer Job. Seit September ist sie Pastoralreferentin in Delmenhorst. Ein Portrait.

Barbara Zimon blickt in die KameraGroßansicht öffnen

Neue Seelsorgerin für Delmenhorst: Barbara Zimon.

Delmenhorst/Oldenburger Land. „Vertraut den neuen Wegen“ heißt es in einem beliebten Kirchenlied aus dem Wendejahr 1989, und weiter: „… weil Leben wandern heißt“. Soweit die Theorie. Wer aber tatsächlich in seinem Leben mal neu aufgebrochen ist, egal ob beruflich, persönlich oder geographisch, weiß, dass der neue Weg oft nicht in heller Freude beginnt, sondern in dunkler Nacht. An biographischen Nullpunkten. Nullpunkten, die, wenn es gelingt, zu Wendepunkten werden.

Wendepunkte, die kennt auch Barbara Zimon. Die 46-Jährige Mutter von zwei Söhnen ist im September neu als Pastoralreferentin beauftragt worden. Neuer Job, neuer Aufbruch. Aufgewachsen ist Zimon im westpolnischen Poznan (Posen), aber sie hatte immer auch einen starken Bezug zu ihrer Geburtsregion Schlesien. 

Orte, die die junge Barbara geprägt haben, sind etwa das Exerzitenhaus St. Annaberg, wo sie als junge Frau viel Zeit verbracht hat. Oder der mystisch-dunkle, mittelalterliche Dom von Wroclaw (Breslau). „Da werden Mysterien spürbar“, sagt Zimon noch heute. Was sie besonders an dem alten, aber im Krieg stark zerstörten Gotteshaus in Wroclaw beeindruckt: „Generationen von Menschen haben hier gebetet und nach Gott gesucht. Das ist immer noch spürbar“.

Aus der eigenen religiösen Prägung erwachsen nach der Schule auch die beruflichen Entscheidungen der jungen Frau. Es geht an die alt-ehrwürdige Universität nach Breslau, dort studiert sie Theologie. Später studiert sie auch noch Kirchenmusik in Opole (Oppeln) in Schlesien. Theorie und Praxis zusammen, das ist wichtig für die junge Barbara Zimon. Ebenso wichtig für sie: zu lernen, den Glauben für Jugendliche verständlich zu machen. Mystik und Verstand zusammenzubringen. 

Das Studium schließt Zimon erst mit einem Magistergrad, später mit dem Lizentiat ab, einem kirchlichen Abschluss ähnlich dem Doktortitel. Danach geht es in die Praxis, Zimon arbeitet als Religionslehrerin und in der Kirchengemeinde, zuerst in Racot bei Posen, dann in Kluczbork (Kreuzburg), später in Szymiszów. Die Geschichte könnte hier enden.

Doch die neuen Wege, sie beginnen für Familie Zimon im Jahr 2015. Barbara Zimons Schule in Szymiszów steht vor dem Aus, soll geschlossen werden. Auch ihr Mann, ein promovierter Elektrotechniker, will sich beruflich verändern. Die beiden wagen „einen neuen Aufbruch“, wie Zimon sagt, und gehen nach Deutschland. Dorthin, wo schon die Großeltern ihres Mannes gelebt hatten.

Zunächst zieht es die dreiköpfige Familie nach Mittelhessen, in einen Ort namens Kirtorf. Barbara Zimons Mann Jan arbeitet dort in einem kleinen Unternehmen als Entwicklungsingenieur, die Familie wird gut in dem Ort aufgenommen. Glückliche Jahre, einerseits. Andererseits gibt es da auch die Zäsur des Jahres 2016. Barbara Zimon ist schwanger. Doch das Kind kommt zu früh zur Welt, viel zu früh, in der 25. Woche. Es wird lebendig geboren, doch überleben wird es nicht. Die Zimons beerdigen ihr Kleines in Kirtorf. Selig, wer in einem solchen Moment Trost bei Gott finden kann statt Verlassenheit zu spüren.

2017 kommt der zweite Sohn zur Welt, 2018 steht abermals Veränderung an. Jan Zimon nimmt einen Job in Schweden an, die Familie plant ihre Zukunft in Skandinavien. Dann wird Jan Zimon vom neuen Arbeitgeber nach Bremen entsandt, die jetzt vierköpfige Familie zieht nach Delmenhorst. Für die Theologin Barbara Zimon steht jetzt die Frage im Raum: Wie geht es beruflich weiter? Nach einiger Zeit steht fest: zurück in den kirchlichen Dienst. Ab 2020 lässt sie sich zur Pastoralreferentin ausbilden, 2022 ist die praktische Ausbildung, auf ihr Studium aufbaut, abgeschlossen.

Und jetzt? Was heißt es, Pastoralreferentin zu sein in einer multikulturellen Stadt wie Delmenhorst – und in einer Kirche, die sich in einem tiefen Umbruch befindet? Zimon gibt sich abgeklärt und gelassen. „Kirche ändert sich immer“, sagt sie und verweist auf die teils heftigen Debatten in den zwei Jahrtausenden der Kirchengeschichte. Was sie beobachte, sei, dass es in der Kirche Entwicklungen „mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten“ gebe, sagt die Theologin. Manche setzen besonders stark auf Innovation und Reform, andere verteidigen den Status Quo und wiederum andere wollen zurück zu alten Vorstellungen. „Meine Aufgabe ist“, sagt Zimon, „einen Platz für alle zu schaffen, Begegnungsorte für jedermann zu stiften“. Letztlich heiße das griechische Wort „katholisch“ ja „allgemein“. 

Und ganz konkret? Was heißt es für sie, Pastoralreferentin zu werden in einer Zeit, da neben die Arbeit in den Pfarreien die neue Bezugsgröße des Pastoralen Raumes tritt? „Die Pastoralen Räume sind eine riesige Chance“, sagt Zimon. Seelsorgerinnen und Seelsorger könnten in ihnen Kontakt zu „mehr Menschen“ haben, „mehr Talente finden“. Natürlich sei ein so tiefgreifender Wandel, wie ihn die Kirche in Deutschland und im Oldenburger Land derzeit erlebe, eine „Herausforderung“. Aber eben auch eine „riesige Chance für ehrenamtlich Engagierte“. Die Rolle von Pastoralreferentinnen hingegen – die Rolle also, die Zimon gerade erst neu einnimmt – die dürfte sich deutlich verändern. Aber wie heißt es in dem eingangs zitierten Kirchenlied, das den Neubeginn feiert: „Wer aufbricht, der kann hoffen, in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.“

Philipp Ebert