Navigationsmenüs (Bischöflich Münstersches Offizialat)

Aktuelles

Neu: Christlicher Religionsunterricht

18. August 2026

Niedersachsen führt neues Fach ein

Großansicht öffnen

Bild: www.christlicher-religionsunterricht.de

Portraitfoto Jens KutheGroßansicht öffnen

Jens Kuthe

Mit Beginn des neuen Schuljahres startet in Niedersachsen ein deutschlandweit einmaliges Projekt: der gemeinsam verantwortete Christliche Religionsunterricht CRU von katholischer und evangelischer Kirche. Das Land Niedersachsen und die Kirchen reagieren mit der Einführung des Fachs auf sinkende Kirchenmitgliedszahlen und wachsende religiöse und weltanschauliche Vielfalt an Schulen.

Grundlagen des Unterrichts bleiben die biblischen Quellen, christliche Traditionen und Überzeugungen sowie Fragen nach Verantwortung, Nächstenliebe und Menschenwürde. Gleichzeitig orientiert sich das neue Fach vor allem an den Erfahrungen und Lebensfragen junger Menschen und will neue Räume für Perspektivwechsel und Dialog öffnen.

Jens Kuthe ist die katholische Ansprechperson in der Gemeinsamen Ansprechstelle für den Christlichen Religionsunterricht. Er hat die Entwicklung des neuen Fachs seit fünf Jahren begleitet und erklärt hier im Interview, was sich für Schülerinnen und Schüler ändert.

Herr Kuthe, gemeinsamer Religionsunterricht – das hört sich erst einmal gar nicht so spektakulär an. An den meisten Schulen in Niedersachsen steht ja schon seit vielen Jahren der konfessionell-kooperative Religionsunterricht auf dem Stundenplan, bei dem katholische und evangelische Kinder auch gemeinsam unterrichtet werden. Was ist nun das Neue am Fach Christliche Religion?

Zunächst einmal gibt es inhaltliche Veränderungen, weil aus zwei Lehrplänen – dem für katholische und dem für evangelische Religion – ein gemeinsamer gemacht wurde, der jetzt von evangelisch-lutherischer, evangelisch-reformierter und römisch-katholischer Kirche gemeinsam verantwortet wird. Außerdem werden Themen aktualisiert und vertieft, die durch gesellschaftliche Entwicklungen und theologische Forschung mehr oder anders bedacht werden müssen: Demokratieförderung und Digitalität zum Beispiel. Aber auch der Blick auf die Vielfalt der christlichen Konfessionen und die anderen Religionen wurde geschärft. Gleichzeitig findet ein grundsätzlicher Perspektivwechsel statt: Während bislang ausgehend von der eigenen Konfession geschaut wurde, was die Unterschiede zu anderen sind und wie wir uns abgrenzen, gucken wir jetzt: Aus welcher gemeinsamen Tradition kommen wir, was verbindet und trägt uns und an welchen Stellen differenzieren wir uns in einer wertvollen und wertzuschätzenden Vielfalt aus.

Für den Christlichen Religionsunterricht gibt es auch ein neues Curriculum, also einen Plan, was gelehrt und gelernt werden soll. Was sind die Schwerpunkte darin?

Der wesentlichste Schwerpunkt ist auch die wesentlichste Veränderung im Kerncurriculum, nämlich dass der Religionsunterricht konsequent von den Schüler*innen und ihren Lebensrealitäten her gedacht und entwickelt wird. Man geht also aus von ihrer Lebenswelt, den Themen, die sie bewegen, und bringt sie mit dem christlichen Fundament, der Theologie und der Spiritualität ins Gespräch.

Gibt es dafür ein praktisches Beispiel?

Die fünf neuen Kompetenzbereiche des Unterrichts sind: Identität, Gemeinschaft, Sinn und Glaube, Handeln sowie Freiheit und Zukunft. Das klingt erstmal nur bedingt theologisch, weil diese Bereiche eben ausgehend von den Lebensrealitäten und -fragen junger Menschen formuliert wurden. Innerhalb dieser Bereiche kommen nun verschiedene Perspektiven zusammen z. B. hinsichtlich der Frage „Was verbindet uns? Was macht uns zu einer Gruppe? Wie gehen wir als Gruppe mit anderen Gruppen um?“ Dieser Gedanke aus dem Kompetenzbereich Gemeinschaft stellt sich für Schüler*innen in ihrer Familie, im Freundeskreis, in der Klassen- und Schulgemeinschaft, in einem Verein und in einer Gemeinde. Dieselben Fragen müssen die Kirchen, die Konfessionen, die Religionen für sich beantworten und schließlich auch wir als Gesellschaft. Das sind dann nicht einfach verschiedene Ansichten, sondern es sind Zusammenhänge, in denen auch Kinder und Jugendliche stehen und in denen sie eigene Entscheidungen treffen (müssen). Im Kontakt mit den Religionslehrkräften treten sie in Begegnung mit Personen, für die diese Entscheidungen eine persönliche Relevanz haben. In der Auseinandersetzung mit diesen existentiellen Fragestellungen werden die Schüler*innen als eigenständig Handelnde ernstgenommen, wertgeschätzt und gefördert.

Nun gibt es seit Jahren immer weniger Kirchenmitglieder und auch weniger Eltern und Kinder, die sich mit der katholischen oder evangelischen Kirche verbunden fühlen – braucht es perspektivisch überhaupt noch einen Religionsunterricht an Schulen?

Ja, es braucht ihn unbedingt! Nicht zuletzt in einer Zeit, in der Religion im gesellschaftlichen Kontext ein hoch virulentes Thema ist. Wie begegne ich religiösen Menschen? Was für eine Relevanz haben Gott und Glauben für mich, für die Menschen in meinem Umfeld, für die Welt? Das sind Fragen, mit denen Kinder und Jugendliche konfrontiert sind und mit denen sie sich im Religionsunterricht auseinandersetzen können, wo sie auf gut ausgebildete Lehrkräfte treffen, die in der Lage sind, ihnen ein echtes Gegenüber in der Auseinandersetzung zu sein. So ein Religionsunterricht ist die Möglichkeit, einer existentiellen Dimension von gelebter Religion tatsächlich zu begegnen und in einen Dialog zu treten. 

Inwiefern?

Die Auseinandersetzung mit Religion ist ein elementarer Bestandteil von Bildung und der Religionsunterricht wird für junge Menschen immer mehr zum Ort des ersten bewussten Kontakts mit Gott und Glaube. Deswegen halte ich Religionsunterricht für unersetzbar, auch im Sinne von Demokratieförderung. Aufgrund des Neutralitätsgebotes des Staates kann dieser eben keine religiösen Inhalte festlegen, das können nur die Religionen selbst. Und deswegen ist es gut, dass nicht nur die christlichen Konfessionen, sondern auch andere Religionen die Möglichkeiten haben, in einen staatlich organisierten und kontrollierten Kontext wie Schule, diese Inhalte und existentiellen Perspektiven einzubringen.

Fragen: Annika Ehrbar / Bistum Osnabrück

Hintergrund

Die Einführung des CRU ist das Ergebnis eines mehrjährigen Entwicklungsprozesses des Landes Niedersachsen sowie der katholischen und evangelischen Kirchen auf Landesgebiet. Ausgangspunkt waren die positiven Erfahrungen mit dem konfessionell-kooperativen Religionsunterricht, den es in Niedersachsen seit 1998 gibt. 

Das neue Fach wird im Schuljahr 2026/2027 zunächst in den Klassen 1 und 5 unterrichtet und dann in den nächsten Jahren schrittweise für alle Klassenstufen eingeführt. Der CRU richtet sich an junge Menschen unterschiedlicher Konfessionen und Religionszugehörigkeiten. Wie bisher können auch orthodoxe und freikirchliche Schülerinnen und Schüler, Angehörige anderer Religionen sowie religiös nicht gebundene Kinder und Jugendliche am Unterricht teilnehmen.

Weitere Infos für Eltern und andere Interessierte gibt es auf dieser Seite: https://www.christlicher-religionsunterricht.de