Bischöflich Münstersches Offizialat
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24. August 2018 - Vehcta

Ab wann wird es zu nah?

Präventionsschulung zeigt Teilnehmern des Freiwilligendienstes rote Linien auf

Sich die Hand zur Begrüßung zu geben ist noch einfach. Auch wenn man sich nicht kennt. Sich zu umarmen und Küsschen auf die Backe zu geben, wie es in vielen südeuropäischen Ländern auch unter Fremden üblich ist, ist für Mitteleuropäer schon ungewohnt. Aber sich gegenseitig die Stirn zu berühren, die Nasen aneinander zu reiben oder das Ohr des Gegenüber liebevoll zu kraulen, wie es einige Völker im Pazifikraum, in Afrika oder auch Eskimos tun, das geht unsereinem doch deutlich zu nahe.

Zur Begrüßung das Ohrläppchen kraulen

Sich zur Begrüßung gegenseitig am Ohrläppchen zu kraulen, wie es Ostafrikaner machen, ist nicht jedermanns Sache.

Rote Linie ist überschritten

Ab hier ist die rote Line klar überschritten, zeigten die meisten Teilnehmer Thorsten Middendorf.

Genau das wollten Thorsten Middendorf und Kerstin Wilken bei ihrer Übung im Rahmen einer mehrstündigen Präventionsschulung im Pfarrheim Maria Frieden klarmachen. 54 junge Leute, die ihren Freiwilligendienst in Kitas, Pfarrgemeinden, Kinder- und Jugendwohnheimen, Schulen, Jugendbildungsstätten, Flüchtlingswohnheimen und Büchereien absolvieren, nahmen an der Veranstaltung der Katholischen Freiwilligendienste im Oldenburger Land (kfwd) teil.

Je enger und intimer die Berührung, umso weniger Teilnehmer machten noch mit. Wie man solchen unangenehmen Situationen ausweichen kann, hatten mehrere unbewusst selbst gezeigt: Die Arme verschränken, sich wegdrehen oder die Nähe einfach weglachen. „Was glaubt Ihr, wie es ist, wenn Ihr solche oder ähnliche Spiele mit Kindern macht?“, fragte Middendorf. Viele würden wohl mitmachen, sei es wegen eines Gruppenzwanges, wegen Unsicherheit oder auch, weil sie die Nähe nicht zu aufdringlich fänden. Aber die, die nicht wollten, sollte man auf keinen Fall zwingen, machte Middendorf klar. „Gebt ihnen die Möglichkeit, sich daraus zurück zu ziehen.“
 
Andere Aufgabe - alles reale Fälle: Eine Küsterin rückt einem Messdiener vor dem Gottesdienst das Gewand über dem Kapuzenpulli zurecht, ohne ihn vorher zu fragen. Ein Praktikant im Kindergarten erzählt einem Mädchen ein Geheimnis, dass es nicht verraten darf. Die Eltern hören es doch und fragen irritiert im Kindergarten nach. Eine Erzieherin legt sich bei einem Kind, das auf einem mehrtägigen Ausflug Heimweh hat, mit ins Bett unter die Bettdecke, um es zu trösten. Wo beginnt die Grenzüberschreitung, wie kommt das an, was sollte man besser unterlassen, diskutierten die Teilnehmer anschließend aus Kinder- und Elternsicht.

Am Ende des Tages hatten die jungen Leute viele Themen reflektiert. Dabei ging es um die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, Fragen zur Kindeswohlgefährdung, den Umgang mit Grenzen und Macht, Intervention und Krisenmanagement, Präventionsmaßnahmen und Schutzkonzepte. Weitere Schulungen mit dem Schwerpunkt „Kinder und Jugendliche“ und „erwachsene Schutzbedürftige“ für Nachrücker im Freiwilligendienst finden im November statt.

Solche Schulungen sind im Offizialatsbezirk Pflicht für alle Personen, die in kirchlichen Einrichtungen mit Kindern und Jugendlichen Kontakt haben. Die kfwd, Tochterunternehmen des BDKJ und des Landes-Caritasverbandes für das Oldenburger Land, bietet sie seit 2013 an. Seitdem wurden 240 Schulungen mit über 5.000 Teilnehmern durchgeführt, unter ihnen 900 Erzieherinnen aus sechzig Kitas. In den kommenden Monaten gibt es auch zwanzig Schulungen für Personen, die erwachsene Schutzbefohlene in Altenheimen betreuen. Rund 400 Personen haben sich dafür angemeldet. Informationen unter https://kfwd.de/

Ludger Heuer