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26. Juli 2018 - Langförden

Bäume der Erinnerung

Gegen das Stigma des Suizides ankämpfen 

Warum wirft ein Mann ein erfolgreiches Leben weg, trennt er sich von seinem Besitz und läuft mit einem Handkarren durch Deutschland? Nur, um Bäume zu pflanzen für Menschen, die Suizid begangen haben. Für Mario Dieringer (51) war es der einzige Weg. Der Frankfurter Fernsehjournalist hatte ein abwechslungsreiches und interessantes Leben. So jedenfalls schien es. In seiner Seele sah es anders aus. 

Portrait Mario Dieringer

Mario Dieringer pflanzt Bäume der Erinnerung

Mario Dieringer und Offizialatsrat Winter

Bernd Winter bot Mario Dieringer in Langförden einige Tage Quartier

Seit Jahren kämpft der Mann mit Depressionen. Dass sein alkoholabhängiger Stiefvater, „der mich wirklich extrem geprügelt und mir nichts zugetraut hat“, dafür den Grundstein gelegt hat, wurde ihm erst im Erwachsenenalter klar. Als Kind hatte er es sich angewöhnt, immer besser zu sein, um diesem Mann zu gefallen. Vier Berufsausbildungen hat er daher gemacht. Ständig unruhig, ständig weiter. Die Trennung von seinem ersten Partner nach 12 Jahren hat ihn für Monate halbtot gemacht. „Aber keiner hat bei mir Depressionen diagnostiziert“, sagt er. „Irgendwann bin ich im Supermarkt zusammengebrochen“. Freiwillig ging er in die Psychiatrie, dann für sechs Monate in die Uniklinik Frankfurt. Anschließend hatte auch seine zweite Beziehung keine Chance mehr und lief aus. „Am 28.12.2014 hat mir mein Gehirn eine Lösung vorgeschlagen, der ich mich nicht entziehen konnte.“ Stundenlang heult er. Dann nimmt er Tabletten. 

Marios neuer Freund Jürgen ist damals auf dem Weg in den Urlaub. Der Ingenieur kennt sich aus mit Depressionen. Er hatte selbst eine, war schon seit seinem 16. Lebensjahr von Suizidgedanken verfolgt. Marios Depressionen hatte er wohl wahrgenommen, war aber nicht darauf eingegangen. Doch jetzt, als Mario die Tabletten nimmt, dreht Jürgen auf der Autobahn um. Er muss was geahnt haben. Er findet Mario und holt ihn zurück ins Leben. „Ich war froh darüber“, sagt Mario. Zweieinhalb Jahre ist er mit Jürgen zusammen. Eine schöne Zeit, doch Jürgens Depressionen werden schlimmer, immer öfter ist er aggressiv. Irgendwann zieht Mario aus. Jürgen bombardiert ihn mit Nachrichten. Mario will, dass sein Freund zur Ruhe kommt und macht das Handy für einige Tage aus. Als er es wieder anschaltet, findet er über einhundert Sprachnachrichten vor. „Das ist der letzte Kuss für dich“, lautet die letzte. Verzweifelt versucht er, Jürgen anzurufen. Aber der ist seit zwei Tagen tot.

Sechs Monate heult sich Mario durch den Tag. Isst Psychopharmaka statt Brot. Schuldgefühle plagen ihn. Und plötzlich der Gedankenblitz. „Lauf um die Welt und pflanze Bäume für Suizidopfer.“ Es gibt kein Zurück. Sechs Meter „sündhaft teure Klamotten“ verschenkt er, dazu seine Möbel, seine Kunst. Sein gesamter Besitz passt jetzt in einen Handkarren. „Man stellt damit die Existenz auf den Kopf, aber ich trete gerade den Beweis an, dass es trotzdem geht“, sagt Mario. 

Trees of memory

Vor zwei Jahren hat sich ein Verein gebildet, der ihn in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt. „Trees of memory“ (= Bäume der Erinnerung) nennt er sich. Mit den Bäumen für Suizidopfer oder ihre Angehörige möchte er Betroffenen neue Lebensperspektive bieten. „Wir möchten auch die unterstützen, die selbst Suizidgedanken entwickelt haben. Dazu gehören Informationen darüber, wie Suizidalität entsteht, wie Freunde und Verwandte in solchen Situationen reagieren können und was Betroffene selbst tun können“, sagt Mario. Denn Hinterbliebene würden nicht nur selbst massiv unter dem Suizid leiden, sondern vielfach auch noch von ihrer Umgebung dafür verantwortlich gemacht und ausgegrenzt. „Die Menschen, die Suizid begehen, wollen nicht sterben. Sie können einfach nur nicht mehr leben“, weiß Mario. 

Der Bedarf an Aufklärung ist groß, ca. 10.000 Suizide werden jedes Jahr in Deutschland registriert. 55 Baumbestellungen aus 13 Ländern liegen inzwischen vor. „Um die abzuarbeiten, brauche ich 20 Jahre und muss 75.000 km laufen.“ Den Baum, den man über die Vereinshomepage bestellen kann, bringt er mit oder die Leute besorgen ihn selbst. Auf seiner Wanderschaft freut er sich über jedes Quartier. Nach dem Gespräch im Esszimmer von Bernd Winter, der ihn in Langförden aufgenommen hat, zieht er nach Wildeshausen, den nächsten Baum zu pflanzen. „Ich war selten glücklicher als jetzt“, sagt Mario beim Abschied. 

Spenden: 
Um Hilfe für Hinterbliebene oder Präventionsmaßnahmen anbieten zu können, ist der Verein auf Spenden und Mitglieder angewiesen.
Infos unter www.treesofmemory-ev.com. Konto: Trees of Memory e.V., IBAN: DE18 6735 2565 0002 2517 26, BIC: SOLADES1TBB.

Ludger Heuer