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24. Dezember 2018 - Vechta

An Weihnachten lässt Gott sein Angesicht in uns leuchten

Was sieht die Welt, unser Land, was sieht die Kirche, wenn ihnen der Spiegel vorgehalten wird? Uns allen fallen dazu zahlreiche aktuelle Entwicklungen und Themen ein, die nicht gerade ermutigend sind. Kriege, Klimakrise, Nationalismus und mitunter Extremismus, Ausbeutung von Arbeitsmigranten, millionenfache Flucht und nicht zuletzt Skandale und sexueller Missbrauch in der Kirche. Was ist das für ein Gesicht, das uns da entgegenkommt? Ist es noch ein menschliches Gesicht? Oder zeigt uns momentan die Welt sprichwörtlich ihr hässliches Gesicht?

Weihbischof Theising

Sich ab und an den Spiegel vorhalten lassen ist das eine. Wer jedoch immer nur in den Spiegel schaut, sieht letztlich nur sich selbst. Und mir scheint, hier liegt eine der Ursachen für all die derzeitigen Verwerfungen. Ich, mein Land, meine Interessen, meine Bedürfnisse zuerst. Meistens auf Kosten anderer. Ohne Rücksicht. Wer nur sich selbst sieht, um sich selbst kreist, sich selbst in den Mittelpunkt stellt, nimmt nicht mehr wahr, dass gelingendes und erfülltes Menschsein auf Beziehung angewiesen ist. Wenn immer mehr Menschen ichbezogen leben, Politik und Gesellschaft davon geprägt sind, dann werden wir wohl kaum drängende Probleme unserer Zeit lösen können. Nicht im Großen, nicht im Kleinen.

Weihnachten ist das Angebot Gottes an uns, den Spiegel der Ichbezogenheit fallen zu lassen. An Weihnachten hat unser Gott ein Gesicht bekommen, mit dem er uns anschaut, mit dem er in Beziehung tritt. Es ist das zutiefst menschliche Gesicht eines Babys.

Ein Gesicht kann bedrohlich wirken, wenn es zu nahe kommt. Dann bewirkt es Angst und verlangt nach einer besonderen Form des Standhaltens. Bei dem Gesicht eines Babys jedoch ist es anders. Es ist ohne Schutz oder eine Maske, offen, voller Leben, aber auch verletzlich.

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen ihre Zurückhaltung verlieren, wenn sie einem kleinen Kind begegnen. Sie halten keinen Abstand wie bei einer hochgestellten Persönlichkeit oder dem Chef. Sie möchten dem Baby nahekommen, es ansprechen, vielleicht sogar berühren. In Gesichter von Erwachsenen fassen wir nicht, man hält Abstand. Bei einem Baby suchen viele den Kontakt, möchten wahrgenommen werden und zeigen sich selbst liebevoll und zugewandt.

Hier liegt das Geheimnis von Weihnachten. Gott zeigt sich uns im Gesicht eines kleinen Babys, weil er den Menschen so nah sein möchte, einer von ihnen, einer von uns. Weil er möchte, dass Menschen ihm nahe kommen. Im neugeborenen Jesus in der Futterkrippe schaut Gott die Menschen an, alle, die zu ihm kommen, alle, zu denen er kommt. Ob armseliger Hirte, reiche Geschäftsfrau, arbeitslos gewordener Familienvater, trauernde Eltern oder totkranker Jugendlicher. Sie alle können ihre Hemmungen ablegen vor diesem Kind, ihr Innerstes zeigen und Zuwendung wagen.

Strahlt das nicht auch auf unser Weihnachten aus? Menschen kommen zusammen, die sich übers Jahr kaum sehen, sich vielleicht sogar sonst aus dem Weg gehen. Und Weihnachten heißt genau das: Begegnung, ja Beziehung geschieht da, wo wir den Spiegel der Ichbezogenheit ablegen und einander anschauen.

Das Kind in der Krippe will eine persönliche Beziehung zu uns, ein Leben lang. Das ist die Herausforderung dieses Gesichtes. Soll die Begegnung nicht nur eine Momentaufnahme an Weihnachten sein, dann begleitet uns das Kind mit seiner Verletzlichkeit, dann übernehmen wir Verantwortung dafür, dass sein Gesicht nicht entstellt wird. Dann erinnern wir uns beim Anblick anderer leidender Gesichter an dieses Kind. Wir übernehmen Verantwortung, weil uns diese Begegnung etwas wert ist. Wir werden solidarisch und sehen nicht nur uns. Wir sehen die Gesichter der Menschen und in jedem Gottes Antlitz. Weihnachten ist die immer wiederkehrende Chance, der Welt, unserem Land, der Kirche und uns selbst ein menschliches Gesicht zu geben - weil Gott sein Angesicht in uns leuchten lassen will und weil das Kind in der Krippe uns anschaut.

Frohe Weihnachten!

Ihr
Wilfried Theising
Bischöflicher Offizial und Weihbischof

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