Bischöflich Münstersches Offizialat
Für die Katholische Kirche im Oldenburger Land

Navigationsmenüs (Bischöflich Münstersches Offizialat)

Pressemeldung

Zurück

12. Oktober 2017 - Seesen, Vechta

Vom Hobbymarkt ins Jagdschloss

Peter Sieve stiftet Städtischem Museum Seesen Jubiläumsalbum

Ungewöhnlich ist es in der Tat nicht, wenn einem Museum historische Fundstücke zur Aufbewahrung und Präsentation beziehungsweise zur Erweiterung des Fundus angeboten werden. Dafür sind Museen per Definition schließlich da. Und doch ist es im Einzelfall immer wieder faszinierend, welchen Weg sie zuweilen gegangen sind und welche Geschichte(n) sie zu erzählen haben. Wohl noch viel zu erzählen hat eine Erinnerungsgabe, die dem Leiter des Städtischen Museums Seesen, Dirk Stroschein, dieser Tage überreicht wurde. Es handelt sich dabei um ein Jubiläumsalbum der einstigen Seesener Pidoux-Schule aus dem Jahr 1909.

Übergabe des Albums

Da strahlt Museumsleiter Dirk Stroschein (r.): Aus den Händen von Peter Sieve und dessen Ehefrau Eva-Maria Ameskamp nahm er das Jubiläumsalbum der Pidoux-Schule mit 77 Einzelporträts entgegen.

In den vergangenen fünfeinhalb Jahren befand es sich im Besitz von Peter Sieve, der selbst als Archivar im Bischöflich Münsterschen Offizialatsarchiv in Vechta tätig ist. „Für die Stadtgeschichte von Seesen ist das Album zweifellos eine sehr wertvolle Quelle. Nur selten gibt es vergleichbare Foto-Dokumentationen von Schulen aus dem Kaiserreich“, weiß der Experte aus eigener Erfahrung. Grund genug für ihn, das gute Stück künftig kein Schattendasein mehr fristen zu lassen, sondern es stattdessen dem Seesener Museum zu stiften.

Entdeckt hat Peter Sieve das Album übrigens gemeinsam mit seiner Frau, der Volkskundlerin Eva-Maria Ameskamp, beim Besuch eines Trödelmarktes in Cloppenburg. Anders, als es der Name vielleicht vermuten lässt, sind dessen Ausmaße mehr als beeindruckend. Seit Jahrzehnten geht der sogenannte „Hobbymarkt“ am zweiten Sonnabend eines jeden Monats in der norddeutschen Kreisstadt über die Bühne und wird von weit her besucht. Die Verkaufsstände befinden sich auf dem Marktplatz und in der großen Münsterlandhalle. „Zum regelmäßigen Angebot der Händler gehören eben auch alte Fotoalben, die oft noch aus der Zeit des deutschen Kaiserreiches stammen“, erzählt Sieve. Meistens seien es Alben aus privatem oder Familienbesitz mit zahlreichen Porträtfotos. Die abgebildeten Personen seien aber leider nur sehr selten mit Namen bezeichnet.

Auch Mitte April 2012 stöberte die Familie auf dem Hobbymarkt, und da fiel dem geschulten Auge von Peter Sieve ein besonders repräsentatives hochformatiges Fotoalbum ins Auge. „Es war sehr gut erhalten, nur die Metallschließe fehlte“, erinnert er sich. Vorne auf dem mit geprägten Mustern versehenen Ledereinband befand sich ein zierlicher Messingbeschlag mit der Inschrift „Pidoux-Schule – 1884-1909“. Innen waren zehn starke Pappen (Format 20 x 38 Zentimeter) mit Goldschnitt eingebunden, die je zweimal sechs vorgestanzte Rahmen für auf Pappe geklebte Porträtfotos enthielten. In diesen Rahmen steckten insgesamt 77 von professionellen Fotostudios angefertigte Porträtfotos von Frauen.

Auf Anfrage habe die Händlerin dann erklärt, dass sie das Album aus einer Haushaltsauflösung erhalten habe. Sie vermutete, es handle sich um ein Musterbuch eines Fotografen. Nun, Peter Sieve kaufte das Album und begann nach und nach mit den Recherchen. Für ihn stellte sich dann rasch heraus, was historisch versierten Seesenern natürlich bekannt ist; dass nämlich die Pidoux-Schule eine private Höhere Töchterschule in Seesen gewesen ist, die 1884 durch Alma Pidoux (geborene Lämmerhirt) in der Jacobsonstraße 31 (heute Friseursalon Stakelbeck) gegründet wurde. Die heutige Oberschule Seesen steht übrigens in der Tradition dieser Mädchenschule.

Die meisten der in dem Album enthaltenen Porträtfotos sind mit Namen bezeichnet, und zwar auf der Rückseite der Fotos, wo die Frauen ihren Namen, teilweise mit einer Datierung oder mit der Zeitangabe ihres Besuchs der Pidoux-Schule, notiert haben. Zu finden ist hier auch ein Porträt von Ida Bloch, geborene Bremer, die 1872 in Seesen geboren wurde und als Opfer der NS-Judenverfolgung 1944 im Ghetto Theresienstadt gestorben ist. Für sie wurde 2012 in der Poststraße 4 in Seesen ein sogenannter „Stolperstein“ verlegt. „Sicher können die Seesener Lokalgeschichtsforscher noch mehr über die anderen in dem Album gezeigten Frauen herausfinden“, meint Peter Sieve. Er verband den vereinbarten Übergabetermin gleich mit einem mehrtätigen Aufenthalt in Seesen, um mit seiner Familie die Stadt und die Umgebung zu erkunden.

Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Zeitungsartikel vom 25. April 1909 aus dem „Beobachter“, auf den Dirk Stroschein bei seinen Recherchen gestoßen ist. Hier wird auf eine Jubiläumsfeier der Pidoux-Schule im Turnsaal und abends bei Eberhagen hingewiesen. Am Ende heißt es: „Der Leiterin der Schule, Frau Alma Pidoux, wurde ein Lorbeerkranz überreicht. Die früheren und jetzigen Schülerinnen verehrten ihrem hochverehrten Lehrerpaar zahlreiche wertvolle Geschenke.“ Dazu wird dann wohl auch das Album gehört haben, das jetzt wieder nach Seesen zurückgekehrt ist.

Karsten Knoblich/Seesener Beobachter

Unsere nächsten Veranstaltungen...