Bischöflich Münstersches Offizialat
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13. September 2017

Eine kleine, lebendige und sympathische Kirche

Bischof Heinrich Timmerevers über sein erstes Amtsjahr in Dresden-Meißen

Am 27. August blickte Heinrich Timmerevers, vorher Weihbischof in Vechta, auf sein erstes Amtsjahr als Bischof von Dresden-Meißen zurück. Zwei Tage zuvor feierte er seinen 65. Geburtstag. Interviewanfragen zu diesen Anlässen hatte er reichlich. Erfüllt hat er nur eine.

Bischof Timmerevers

Sie haben kürzlich in Ihrer Heimat mit Familie und Freunden Ihren 65. Geburtstag gefeiert. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie wieder Richtung Dresden unterwegs waren?
Natürlich zunächst die Familie. Aus der Distanz merke ich, wie wichtig Familie und Heimat sind. Von  Vechta aus konnte ich die über Jahre gewachsenen Freundschaften gut pflegen. Das alles ist aufgrund der Entfernungen nicht mehr ganz so einfach. Aber es gibt ja Telefon und andere Kommunikationsmöglichkeiten.

Wieweit lesen Sie noch Nachrichten aus dem Oldenburger Land?
Jede Woche erhalte ich die Kirchenzeitung aus Münster, da lese ich natürlich gerne die Seiten des Offizialatsbezirks, ebenso die Homepage. Meine Aufmerksamkeit hat sich inzwischen aber ganz hierher verlagert. Ich lese eine Dresdener Tageszeitung. Für mich ist immer noch vieles neu. Vorgestern habe ich das erste Mal zusammen mit den evangelischen und katholischen Bischöfen von Thüringen am Gespräch mit der Landesregierung in Erfurt teilgenommen, da ein Teil  unseres Bistums in Thüringen liegt. Gestern war ich mit allen Ruhestandspriestern zusammen, die mich fragten, ob ich schon in Tschechien und Polen gewesen sei. Bei den Bischöfen in Breslau und Prag habe ich einen Besuch gemacht, weitere Besuche bei den Nachbarbischöfen in Polen und Tschechien stehen noch aus. Im Bistum habe ich annähernd alle 97 Pfarreien kurz besuchen können. Das war mir sehr wichtig, um das Bistum in der ganzen Fläche wahrzunehmen und die Menschen kennenzulernen.

In Ihrem Alter arbeiten die meisten Menschen nicht mehr. Sie aber starten noch einmal durch und haben noch zehn Jahre vor sich. Haben Sie sich schon überlegt, wo Sie Ihren Ruhesitz nehmen wollen?
Nein! Ich bin gerade erst einmal angekommen und dabei, das Bistum in allen Facetten wahrzunehmen.  Ich fühle mich gesund und habe viel Freude daran, mich der neuen Aufgabe zu widmen. Und das mache ich gern! Ich bin in dieser wunderschönen Stadt Dresden nicht zum Urlaubmachen, sondern ich habe einen Auftrag, der mich ganz in Anspruch nimmt und mich auch ganz erfüllt.

© Bistum Dresden-Meißen/Michael Baudisch

Wieweit unterscheidet sich Ihr Alltagsleben von dem in Vechta?
Ich lebe hier mitten in einer großen Stadt mit vielen Touristen. Mir fehlt das „Grün“ der Bäume einerseits, dafür habe ich in unmittelbarer Nähe die Elbe mit den Elbwiesen. Wenn ich auf die Straße gehe, werde ich in der Regel nicht erkannt. Es ist eher die Ausnahme, dass ich angesprochen werde.

Sie wechselten von einem finanziell wohlhabenden Kirchengebiet in eine Kirchenregion, die auf Hilfe von außen angewiesen ist. Wieweit hat das Ihre Sicht bezüglich Geben und Nehmen verändert?
Wir sind dankbar dafür, dass die westdeutschen Bistümer uns mit ihrer Solidarität helfen. Ohne diese Hilfe hätten wir wohl keine kirchlichen Schulen und könnten nicht so viele Caritasdienste anbieten. Diese Unterstützung werden wir auch in Zukunft benötigen. Die Bischofskonferenz gibt uns aber auch hohe Standards z.B. im Bereich IT-Datenschutz vor, auch die Ansprüche an eine gut und schnell funktionierende Verwaltung sind gesetzt. Das ist für kleinere Bistümer eine Herausforderung.

Spüren Sie jetzt einen größeren Verantwortungsdruck auf ihren Schultern?

Nein. Als Offizial in Vechta habe ich immer wieder das Gespräch mit dem Bischof von Münster gesucht. In wichtigen Fragen konnte ich mich mit ihm abstimmen und gemeinsam mit ihm nach Lösungen suchen. Das ist jetzt ein wenig anders. Ich stehe als Bischof einer Ortskirche in der Letztverantwortung. Ich habe hier gute Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die das Bistum seit langem kennen. Das ist ein Segen für mich und hilft mir, meinen Aufgaben nachzukommen.  

Mit Pegida und AFD herrscht hier ein anderes politisches Klima als im Oldenburger Land. Wieweit mischen Sie sich in öffentliche Diskussionen ein?
Da bin ich sehr zurückhaltend. Für mich ist wichtig zu verstehen, wie die Menschen hier agieren und weshalb das so ist. Die westdeutsche Perspektive passt da oft nicht. Mir war z.B. nicht wirklich bewusst, dass sich mit der Friedlichen Revolution praktisch für alle Menschen im Osten  das Leben total verändert hat. Die errungene neue Freiheit war ein Glücksfall, es gab Gewinner, aber eben auch Verlierer. Das wird in westdeutscher Perspektive häufig nicht gesehen. Mit Pegida und anderen Parteien und Gruppen äußert sich die Sorge, unter neuen Bedingungen die Errungenschaften wieder zu verlieren. Die Motive  des Protestes sind sehr unterschiedlich. Man muss genau fragen, was die Menschen bewegt, sich so auf die Straße zu begeben. Als Christen suchen wir den Dialog und treten für die unantastbare Würde des Menschen ein. Hasstiraden, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus  sind mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar. Das bringen wir immer wieder ins Wort. Daher ist der Dialog unverzichtbar. In einer demokratischen Gesellschaft gibt es keine andere Möglichkeit.

Einige Gruppierungen warnen angesichts der Flüchtlingsströme vor dem Zerfall des christlichen Abendlandes. Wovor haben Sie mehr Angst? Vor einer Überfremdung unserer Gesellschaft von außen oder der hausgemachten schleichenden Entchristianisierung?
Eine Überfremdung der Gesellschaft nehme ich hier in Sachsen nicht wahr. Um einem Wertezerfall entgegenzuwirken, ermutige ich jeden Christen, sich mit seiner Überzeugung einzubringen. Als Christen müssen wir auskunftsfähiger werden. Es ist eine Aufgabe der Kirche, die Menschen in ihrem Glauben zu stützen und zu stärken. Wir werden uns allerdings auch daran gewöhnen müssen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Religion in den unterschiedlichsten Facetten präsent ist, manchmal eben auch kaum spür- und sichtbar.

3,6 Prozent der Bevölkerung in Ihrem Bistum sind katholisch. Welchen Stellenwert hat die Katholische Kirche hier im öffentlichen Leben?
Ich habe in meinem ersten Jahr mit vielen Politikern und Personen des öffentlichen Lebens gesprochen, die evangelisch oder katholisch sind. Ich habe auch mit einer Reihe von Personen Gespräche geführt, die sich als bekenntnisfrei bezeichnen. Mir wurde immer wieder gesagt, dass die Kirche den Menschen Halt, Zuversicht und Orientierung vermitteln soll. Wir haben mit einigen Schulen und Einrichtungen der Caritas mehrere Leuchttürme im Land, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Kirche wird erleb- und erfahrbar in den Einrichtungen, in unseren Kindertagesstätten, Krankenhäusern und Altenheimen. In Sachsen ist die Ökumene sehr wichtig! In fast jedem Kirchenchor singen auch evangelische Christen mit, und umgekehrt singen katholische Christen in evangelischen Chören.

In Ihrem Bistum leben 142.000 Katholiken in 97 Pfarreien. Im Oldenburger Land haben wir 265.000 Katholiken in 40 Pfarreien. Steht Ihrem Bistum noch ein Fusionsprozess bevor?
Diesen Prozess hat mein Vorgänger schon begonnen. Wir nennen dies „Erkundungsprozess“. Wir lassen uns leiten von der Frage: Wofür sind wir als Kirche da? Was ist unser Auftrag in Sachsen? Wir haben den Wunsch, jeder Sachse soll einmal im Leben Christus begegnet sein! Die 97 Pfarreien sind schon in 34 Verantwortungsgemeinschaften zusammengeführt worden, aus ihnen werden bis zum Jahr 2020 neugegründete Pfarreien. In meinem ersten Jahr habe ich alle 34 Verantwortungsgemeinschaften und die meisten Gemeinden besucht.

© Bistum-Dresden-Meißen/Michael Baudisch

Sie haben hier trotz DDR-Vergangenheit vergleichsweise mehr Priester als im Oldenburger Land. 131 Priester auf 142.000 Katholiken (1:1083), bei uns 147 auf 265.000 Katholiken (1:1802). Der Gottesdienstbesuch liegt wie im Bistum Erfurt bei 18,1 %, nach Görlitz (20,8 %) Platz zwei aller deutschen Bistümer und weit höher als im Oldenburger Land (11,5 %). Woran liegt das?
Wer in der Diaspora lebt, bringt häufig eine größere Entschiedenheit mit. Ich begegne hier immer wieder  Menschen, die in der Zeit der DDR aufgrund ihres Glaubens ausgegrenzt und benachteiligt wurden. Sie haben sich trotz der Bedrängnisse nicht verbiegen lassen und sind ihrem Glauben treu geblieben. Das prägt unsere Gemeinden bis heute! Wer hier bei Kirche mitmacht, ist mit ganzem Herzen dabei.

Freut sich ein Bischof mehr über Masse (Kirchenmitglieder) oder Klasse (Gottesdienstbesuchszahlen)?
Der Bischof freut sich über jeden, der am kirchlichen Leben teilnimmt. Zu unserem Bistum gehören die Sorben, die in besonderer Weise mit der Kirche verbunden sind und das kirchliche Leben hoch engagiert mittragen und pflegen. Aber auch in Dresden erlebe ich viel Lebendigkeit in unseren Gemeinden. In Leipzig und Dresden ist in unseren Gemeinden die Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen die stärkste Gruppe. Wenn man im Bistum Münster von einer XXL-Pfarrei spricht, meint man eine Gemeinde mit 20.000 Katholiken. Hier ist eine XXL-Pfarrei eine mit einem Durchmesser von 90 Kilometern. Einige Seelsorger sagen, wir machen „Fahr-Seelsorge“. Das sind dann doch ganz andere Herausforderungen.

Bischof Timmerevers im Gespräch

© Bistum Dresden-Meißen/Michael Baudisch

Die flächenmäßig größte Pfarrei im Bistum Dresden Meißen hat eine Ost-West Ausdehnung von 90 Kilometern.

Können Sie Ihr neues Bistum in fünf Adjektiven beschreiben?
Vielfältig, klein, stark, sympathisch, zuversichtlich.

Welches Erlebnis hat Sie am meisten berührt?
Das war das Treffen mit den erwachsenen Taufbewerbern am Samstag vor dem ersten Fastensonntag, zu dem 21 Personen kamen. In unserem Bistum haben im vergangenen Jahr annähernd 100 Erwachsene die Taufe empfangen. Wenn diese Frauen und Männer ihren Weg zur Taufe schildern, dann hält man den Atem an! Man sieht, wie Gott Menschen führt. Das macht Gott und nicht der Mensch. Es braucht aus der Mitte unserer Gemeinden Paten, die die Taufbewerber begleiten und vorbereiten. Die gibt es. Das schenkt mir und unseren Gläubigen Zuversicht!

Ludger Heuer

Ansprachen des ersten Jahres von Heinrich Timmerevers als Bischof von Dresden-Meißen liegen jetzt als Buch vor: AnFangen – die ersten Stationen von Bischof Heinrich Timmerevers, Benno Verlag, 2017 Leipzig, ISBN 978-7462-509-8, 64 Seiten, 7,95 €.

Bischof Timmerevers

© Offizialat/Ludger Heuer

Gegenüber des Schreibtisches von Bischof Timmerevers hängen Bilder der St. Marien Kirche in Schillig

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