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24. Juli 2014 - Vechta

An der Fleischtheke nachfragen

Nur Verbraucherverhalten kann Produktionsbedingungen in Fleischindustrie ändern 

Es war ein leidenschaftlicher Appell zu menschenwürdigen Arbeitsverhältnissen in der Schlachtindustrie, den Prälat Peter Kossen gestern vor dem Komitee der Verbände im Antoniushaus hielt. 

Das Foto zeigt Prälat Peter Kossen bei seiner Ansprache

Prälat Peter Kossen sprach vor dem Komitee der Verbände über die Zustände in der Fleischindustrie

Die Repräsentanten der katholischen Verbände im Oldenburger Land fanden das Thema unter Leitung ihres neuen Vorsitzenden Clemens Olberding so wichtig, dass sich ihm den ganzen Abend widmeten.

„Wenn es uns nicht gelingt, menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen auch für Migranten zu garantieren, dann verrotten unsere Werte von innen“, mahnte Kossen, der die Zuhörer mit vielen Horrorbeispielen schockte. 16 Stunden Arbeit am Tag, drei Euro Stundenlohn, wohnmäßig schlechter zusammen gepfercht als viele Tiere, keine Krankenversicherung, keine Sozialleistungen. Dafür aber unrechtmäßige Millionengewinne bei vielen Firmen. „Der Missbrauch der Werkverträge frisst sich wie ein Krebsgeschwür durch unsere Volkswirtschaft“. Löhne drücken auf Kosten der Schwächsten dürfe nicht länger legitimes Mittel zur Gewinnmaximierung sein, klagte der streitbare Prälat, der aber auch einräumte, dass nicht alle Firmen so arbeiten. Wirtschaftlich gesunde Unternehmen rechneten ohne Not öffentliche Leistungen wie die Hartz- IV-Aufstockung, Kindergeld und Wohngeld in ihre Lohnkalkulation mit ein, anstatt die Leute so zu bezahlen, dass sie von ihrem Einkommen auch leben können. Das sei Sozialbetrug, klagte er. Dahinter stehe auch die Werte-Frage, was uns gute Arbeit und Gerechtigkeit wert sei. Könne es richtig sein, wenn ein Kilo Klopapier bei uns teurer sei als ein Kilo Fleisch? Zur Eindämmung der Missstände forderte Kossen gleichen Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort, die Einschränkung von Werkverträgen, die Beendigung des Subunternehmerwesens, dezentrale bezahlbare menschenwürdige Unterkünfte für die Arbeiter und die Pflicht für alle Arbeiter, in deutsche Sozialkassen einzuzahlen. 

Seit Anfang des Jahres könnten Rumänen und Bulgaren auf dem deutschen Arbeitsmarkt zwar direkt angestellt werden und Subunternehmern werde jetzt ca. 13 Euro pro Stunde Werkvertragsarbeit bezahlt. „Doch warum stellt man die Leute immer noch nicht direkt an?“, fragte Kossen. Der Mindestlohn von 7,75 Euro in der Fleischbranche komme vielfach nicht bei den Arbeitern an. Trotz aller Diskussionen und Absichtserklärungen habe sich vielerorts nichts zum Positiven verändert. Kriminelle Subunternehmer würden nur ersetzt durch kriminelle Subunternehmer. Es werde sich nichts verändern, solange nicht Behörden wie der Zoll und die Gewerbeaufsicht rechtlich und personell in die Lage versetzt seien, die Einhaltung von Gesetzen effektiv zu kontrollieren. Kossen sieht daher die Kirchen in der Pflicht, in der Bevölkerung bewusstseinsbildend zu wirken. „Christen sind der Solidarität verpflichtet“, sagte er. 

Der ständige Druck auf die Mitarbeiter führe dazu, dass die Zahl der Krankmeldungen zunehme, bestätigten ihm einige Zuhörer. Insbesondere im Bereich psychischer Erkrankungen sei das zu beobachten. „Das System ist krank“, sagte ein Verbändevertreter. Solange die Politik nicht klare Regeln vorgebe, sei ein Bewusstseinswandel des Verbrauchers die stärkste Waffe gegen den Missbrauch, machte Clemens Olberding deutlich. Verbraucher müssten an der Fleischtheke nachfragen, wo das Fleisch herkomme und ob es fair produziert worden sei. „Erst wenn Verbraucher auf diese Informationen bestehen und notfalls dort nicht mehr einkaufen, ändern sich die Produktionsbedingungen“. Das Komitee der Verbände werde an dem Thema dranbleiben und hierzu in nächster Zeit Veranstaltungen und Initiativen erarbeiten, sagte er Kossen Unterstützung zu. 

Ludger Heuer

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